Was ist eigentlich Hydroxypropylmethylcellulose?

Spätestens seitdem in den letzten Wochen die perfluorierte Tenside für negative Schlagzeilen sorgten, ist das allgemeine Misstrauen gegenüber Substanzen mit „chemischen Namen“ wieder gestiegen. Mal wieder.  Hydroxypropylmethylcellulose klang schon immer irgendwie unheimlich, genau wie viele andere chemische Bezeichnungen,  weshalb die EU in den 70 gern des letzten Jahrtausends die „E-Klasse“ für Zusatzstoffe eingeführt hat. Damals, 1974, klang E464 einfach schick und viel besser als die fast 40 Buchstaben lange chemische Bezeichnung der Kapselhülle mit viel X und Y.  Und E300 klang damals  auch viel harmloser als „Ascorbinsäure“, welche beispielsweise der Cola als Konservierungsmittel zugesetzt wurde. Der Stern der E-Klasse begann zu sinken, als sich einige der zugelassenen Mittel (meist Farbstoffe) als gesundheitsschädlich herausstellten. Eine E-Nummer wurde mit den Jahren zu einer Art Makel des Produktes, verschärft durch die Debatten um E605 (Parathion). Paradoxerweise ist das der Handelsname eines sehr wirksamen Insektizides und Akarizides. E605 trug diese Bezeichnung schon lange, bevor es die EU-Liste für Lebensmittelzusatzstoffe gab, und hat mit der Liste der zugelassenen Zusatzstoffe überhaupt nichts zu tun.
Coka-Cola war fein raus – der erlaubte Trivialname für E300 ist Vitamin C. Der Beipack-Text lautet also nicht mehr: „Enthält Konservierungsmittel E300“, sondern „Angereichert mit wertvollem Vitamin C“. Von wegen Nomen est omen – An der Rezeptur hat sich dadurch rein gar nichts geändert. Und rechtlich ist es einwandfrei.

Kurkuma Pulver und Kapseln aus Hydroxypropylmethylcellulose

Was ist also mit E464, bzw. Hydroxypropylmethylcellulose?  Der Fall liegt ganz ähnlich wie E300 bzw. Vitamin C. Nur dass es (noch) keinen wohlklingenden Trivialnamen gibt. Bei Hydroxypropylmethylcellulose handelt sich um nichts anderes als um pflanzliche Fasern, ganz ähnlich denen, die als „Papier“ bezeichnet und benutzt werden. Papier besteht aus Cellulose, aber wenn Cellulose in einem Lebensmittel enthalten ist, steht da natürlich nicht: „Enthält Papier“, sondern „mit pflanzlichen Ballaststoffen“.  Und dabei ist es egal, ob die Ballaststoffe von Natur aus in dem Produkt enthalten sind (Weizenkleie etwa), oder tatsächlich als Papierschnipsel nachträglich zugegeben werden (das „Fruchtfleisch“ in Fruchtsäften beispielsweise, welches sich so herrlich leicht wieder aufschütteln lässt).
Aus biologischer Hinsicht ist Cellulose ein feines Produkt, aber aus technischer Hinsicht (als Kapselhülle) hat Cellulose zwei große Nachteile, und das ist einmal die Bearbeitbarkeit, und andererseits die Eigenschaft, sich rechtzeitig aufzulösen. Es bedarf nur zwei kleinen chemischen Veränderungen am Makromolekül (am Glukoserest der Momomere und bei der Quervernetzung der Cellulose-Fasern, um es chemisch korrekt auszudrücken), und die gewünschten technischen Eigenschaften werden erzielt. Chemisch bleibt es dennoch Cellulose, Papier, ein Ballaststoff, der vom menschlichen Körper nicht metabolisiert wird. Aber jetzt ist es formbar, und hat noch eine besondere Eigenschaft gewonnen:  Bei Kontakt mit Wasser (Speichel im Mund oder Magensäfte) weicht er auf und wird schneller porös als reine Cellulose. Das macht „E464“ als Material für Nahrungsergänzungskapseln so wertvoll, den natürliche Cellulose kann das nicht so schnell. Die eingekapselten Nahrungsergänzungsstoffe in reinen Cellulosekapseln würden unserem Körper nicht in ausreicheder Menge zur Verfügung stehen, sondern, immer noch verkapselt, wieder ausgeschieden.
So können beispielsweise Menschen, die Schärfe nicht mögen oder vertragen, trotzdem Cayenne-Pfeffer einnehmen: In der Hydroxypropylmethylcellulose-Kapsel, die sich erst im Magen auflöst, wo die Schärfe nicht mehr an die Geschmackssensoren im Mundraum gelangt. So kann das enthaltene Capsacain im Magen und Darm seine Wirkungen entfalten, ohne einem bei der Einnahme „den Kessel durchzubrennen“.

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Veröffentlicht am 16. August 2012 in Cayenne und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. Ja, gut, vielen Dank, verstanden! Aber gibt es Bedenken dagegen, diese Kapselhüllen zu sich zu nehmen? Sie schreiben, das Zeug wird nicht metabolisiert. Wird es denn wenigstens ausgeschieden oder was passiert damit im Körper? vielen Dank für eine Antwort!

  2. Das wird unverändert ausgeschieden. Genau wie normale Zellulose, also als pflanzlicher Ballaststoff.

  3. Können sich die Kapselhüllen, bzw. Bestandteile davon im Darm verfangen? Z.B. in Divertikeln?? Ich muss leider aufpassen, dass nichts „hängen bleibt“. Vielen Dank für Ihre Antwort!

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