Wissenswertes über Sanddorn, Teil 1

Die frühe Geschichte: Seit wann gibt es Sanddorn in Deutschland?
Praktisch schon immer. Sanddorn gehört zu den wenigen Pflanzenarten, die in Europa die letzte Eiszeit überlebt haben. Als vor etwa 30.000 Jahren das Klima kälter wurde, und das Eis aus dem Norden immer weiter nach Süden vordrang, starben viele Pflanzen- und Tierarten in Europa aus. Man darf sich das nicht so vorstellen, dass es „über Nacht“ einen Klimawandel gab, nein, die Abkühlung erfolgte über einen Zeitraum von fast 10.000 Jahren. Das ist doppelt so lange, wie seit dem Bau der großen Pyramiden in Ägypten vergangen ist, und fünfmal so lange, wie seit der Kreuzigung Jesu verging. Pflanzen hatten also Zeit, nach Süden zu wandern. Natürlich nicht als Individuum, sondern als Art, die sich über die Generationen dabei in gewissen Grenzen an das sich ändernde Klima anpassen konnte.
Europa wurde während der Eiszeiten jeoch eine Todesfalle für Pflanzenarten, die nicht ausreichend kälte- und trockenresistent waren. Im Gegensatz zu Nordamerika, wo die hohen Gebirge in Nord-Süd-Richtung verlaufen, versperren in Europa die Pyrenäen, die Alpen und die Berge des nördlichen Balkans den Fluchtweg in den Süden. Denn diese Gebirge vereisten ebenfalls und sendeten ihrerseits Gletscher in Richtung Nord- und Mitteleuropa aus.
Auch wenn die letzte Eiszeit nicht soweit fortschritt, wie die davor, und Norddeutschland nicht unter Eis begrub, die Temperaturen sanken extrem (das Jahresmittel lag bei 5 Grad; heute: 14 Grad). Es war so viel Wasser als Eis gebunden, dass der Meeresspiegel global um 120 m tiefer als heute. Die Nordsee war eine kälte, öde Ebene mit ein paar Mammuts drin. Nicht viel mehr, denn die letzte Eiszeit liess viele Tierarten aussterben, darunter auch viele Insekten. Nicht, dass einem Mammut beispielsweise die Mückenschwärme fehlen würden, nein, für Pflanzen bedeutet das Fehlen von Insekten: die Bestäuber fehlen. Unser Sanddorn ist da jedoch fein raus, denn er kann sich vegetativ durch unterirdische Ausläufer weiter vermehren und Richtung Süden wandern.
Den Höhepunkt der letzten Eiszeit (etwa 15.000 vor Christi) überlebten nur wenige europäische Pflanzenarten: Buche, Hasel, Birke, Eibe, Kiefer, Heckenrose, einige Eichen, – und der Sanddorn. Pollenanalysen belegen, dass Sanddorn im Salzburger Land die letzte Eiszeit überstand, und mit der langsamen Erwärmung, die vor 10.000 Jahren einsetzte, wanderte der Sanddorn wieder nach Norden, dem zurückweichenden Eis folgend.
Sand-Dorn
Als Relikte aus dieser harten Zeit hat sich der Sanddorn ein paar Eigenschaften erhalten, die heute noch an den meisten Sanddornpflanzen zu sehen und zu finden sind. Auf die unterirdischen Ausläufer, die heutzutage unter gärtnerischen Gesichtspunkten sehr lästig sind, habe ich hingewiesen. Die scharfen Dornen schützen sehr effektiv vor Fraßfeinden, damals, als es gegen Mammuts ging, ebenso wie heute. Und hinsichtlich der Düngung, bzw. der Nährstoffversorgung ist der Sanddorn ebenfalls ungewöhnlich. Wurzelknöllchen, die symbiotische Bakterien enthalten und die Stickstoff-Versorgung der Pflanze übernehmen, gibt es bei mehreren Pflanzenfamilien. Die Leguminosen (Fabaceae) und ihre Symbiosen mit Rhizobium sind das Paradebeispiel dafür.  Sanddorn hingegen lebt in Symbiose mit Frankia-Arten. Irgendetwas an dieser Symbiose muss den entscheidenden Unterschied ausgemacht haben. Die Robinie ist heutzutage wieder ein ganz alltäglicher Baum in Mitteleuropa. Die Robinie ist eine Fabaceae, mit symbiotischen Wurzelknöllchen, mit Stacheln, und begrenzter Fähigkeit zur Ausläufer-Bildung. Im Gegensatz zum Sanddorn hat die Robinie die letzte Eiszeit in Europa jedoch nicht überlebt. Fast alle heimischen Robinien, die heute an Straßen und Plätzen stehen, gehen auf die Pflanzen von Jean Robin zurück, der zwischen 1623 und 1635 diesen Baum aus Nordamerika nach Frankreich einführte.

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Veröffentlicht am 20. November 2011 in Sanddorn und mit , , , , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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